Sonntag, 29. Juli 2018

König Ludwig II. Tod - ein vertuschter Kriminalfall? - 21. Teil

Ich denke, um der Vertuschung auf die Spur zu kommen, muß ich bis zur Entmündigung und Verhaftung des Königs auf Schloß Neuschwanstein zurückgehen.
Meine Quelle sind die Lebenserinnerungen des nachmaligen Bäckermeisters und Bürgermeisters von Oberammergau, Wilhelm Rutz, die er 1950 verfaßt hat. Nun mag man einwenden, dass mit der Zeit alle Erinnerungen vergoldet werden, aber wenn man sich gerne an etwas erinnert, das für einen Menschen persönlich gut war, muß es doch nicht mit Unwahrheit, einer Lüge bezeichnet werden.
Wilhelm Rutz war vom 6. Februar 1886 bis 10.Juni 1886 Leibdiener, also Kammerlakai, des Königs und verfaßte erst im hohen Alter von 85 Jahren seine Lebenserinnerungen, die in erster Linie für seine Familie gedacht waren.
Lesen wir einige Textpassagen aus dem Erinnerungen:
"Ich war der erste Diener des Königs. Mein Dienst bestand darin, den König zu wecken, Diktate entgegen zu nehmen und Ordnung zu halten, wie es bei hohen Herrschaften eben so üblich ist. Am Anfang war es etwas schwierig, aber der König war sehr geduldig. Der König arbeitete nachts und schlief am Tag. Er hielt seine Ruhezeiten sehr genau ein, sie betrugen 9 Stunden und 40 Minuten. Neben der Uhr lag ein Zettel, auf dem die genaue Weckzeit vermerkt war. Der erste Diener mußte den König einschließen, den Schlüssel zu sich nehmen und um die festgesetzte Zeit zum wecken ins Zimmer kommen und eine Tasse Tee mitbringen....
Dann mußte die Uhr mit dem Zettel vorgezeigt werden und wenn die Zeiten übereinstimmten nickte der König (manchmal murmelte er, man solle ihn doch noch ein bisserl schlafen lassen). Dann stand er auf, trank seinen Tee, stand auf und ging ins Bad, alles dauerte etwa ein halbe Stunde. Der König war sehr reinlich...
Später erfolgte das Ankleiden und ich reichte dem König seine Uhr und ein frisches Taschentuch.....
Dann kam der Friseur, der manchen Wunsch erfüllte, aber schweigen mußte, hart für einen Friseur. Wenn die Toilette beendet war, blieb der König für ein Morgengebet allein im Zimmer. Dann folgte das Frühstück, das etwa eine halbe Stunde dauerte, Dann wurde ausgefahren und ein halbstündiger Spaziergang gemacht. Danach las der König Zeitungen und -ausschnitte, danach folgten die Regierungsakten, die nach der Durchsicht des Königs, unterschrieben wurden. 
Dann gab es Mittagessen, dabei las der König, meistens französische Literatur. Zu den Hauptmahlzeiten gab es Rot- und Weissweine, sowie Liköre und Bier. Der König trank nur Eiswasser, Zigaretten und Zigarren, die ebenfalls bereit lagen, rauchte der König nicht. 
Nach dem Essen las der König, diktierte Bauangelegenheiten und fertigte architektonische Zeichnungen.....
Er mochte seine Verwandtschaft nicht und mied sie, Regierungsangelegenheiten wurden schriftlich erledigt.
Er liebte die Einsamkeit, aber sie machte ihn krank, nicht geisteskrank, sondern seelenkrank. Er hielt gewissenhaft Ordnung, hatte eine geordnete Lebensweise und ein fabelhaftes Gedächtnis....."

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" Am 11. Juni 1886 war der Kutscher Öttl abends noch im Stall beschäftigt, um Pferde und Wagen für die nächste Ausfahrt herzurichten. Da erschien Graf Holnstein und sage ihm das alles sei nicht mehr nötig, der König wäre abgesetzt und Prinzregent Luitpold habe die Regentschaft übernommen. Von einem Diener erfuhr Öttl, dass um vier Uhr eine Kommission komme, um den König zu verhaften und die Ernennung des neuen Regenten bekannt zu geben, ihn selbst in ärztliche Behandlung zu übergeben. Öttl begab sich sofort zum König, um ihm Mitteilung zu machen. Es war ein Uhr nachts, der König beim Souper. Er wurde blaß und aufgeregt, ging im Zimmer hin und her, sah jeden Augenblick auf die Uhr. Gegen vier Uhr rief er den Diener Hietl und mich zu sich, wir mußten mit ihm auf den Balkon des Schlafzimmers gehen, denn von dort war der beste Blick auf die Schloßstraße. Er stand zwischen uns und blickte mit bebenden Lippen unentwegt hinunter. Er befreite und von der sonst üblichen Verbeugung und dem Schweigen. Da erblickte er die Kommission und sagte: " Sehen Sie, sie kommen." Doch sie konnten nicht herein, denn die Gendamerie hielt Wache und hatte scharf geladen. Die Kommission bestand aus "bunt" gekleideten Herren und schwarz gekleideten Herren, das waren die Ärzte und Pfleger. Als sie außer Sicht waren, sagte der König, ihm käme die Sache vor, wie ein mißlungenes Lustspiel. Der König bat uns, bei ihm zu bleiben, da hoben wir die rechte Hand zum Schwur und legten die andere Hand auf das Herz. Graf Holnstein verlangte unverschämterweise Eintritt, worauf er verhaftet wurde, auch die Anderen wurden verhaftet.
Acht Stunden später kamen dreissig Gendarmen der neuen Regierung und lösten die alte Wache auf, der Zutritt zum König war frei. Der Major verhaftete Hietl und mich im Korridor, ohne unsere Habseligkeiten wurden wir in einem Wagen nach München gebracht. Am nächsten Morgen kam die Versetzung nach Freising, denn man wollte den Journalisten keine Zeugenbefragungen ermöglichen. Graf Drückheim wurde zunächst verhaftet und später nach Metz versetzt."

Soweit die Erinnerungen des Wilhelm Rutz.

Andere Diener sagten Jahrzehnte später aus, denn es gab nicht nur den berüchtigten Mayr, dass beim zweiten Erscheinen der "Fangkommission", der König beim Souper saß.
Keine Rede davon, dass er ausgiebig getrunken haben soll, es war immer die Rede von einer Flasche Champagner und einer Kanne Rum.

Aber das paßte im Nachhinein hervorragend: ein verrückter Alkoholiker, der man sogar vor dem Selbstmord, mit Hilfe des Dieners Mayr, der den angeblich verlangten Schlüssel zum Turm, mit Hilfe einer Ausrede, nicht finden konnte, bewahrte.

Das bildet eine Linie zu den Mengen an Alkohol, die der König angeblich bei seiner letzten Mahlzeit vor dem Spaziergang mit Gudden zu sich nahm.
Nur: 

* Alkohol sollte, nach Anordnung der Ärzte, streng rationiert werden
* der König hatte selbst keinen Zugriff auf Alkohol, er wurde in zwei abgeschlossenen Zimmern eingesperrt und bewacht
* er aß zwar am frühen Nachmittag des 12. Juni, legte sich aber, da er müde war, ins Bett. Als er in der Nacht erwachte, bekam er lediglich eine Orange und eine Scheibe Brot, da die Küche "kalt" war, sonst nichts.

So, da ist er, der erste beweisbare Fehler, in der offiziellen Erzählung über die Tatnacht.

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